Thesen zum Status Quo Fußball

 1. Vereinsfußball und Jugendkultur

Vereinsfußball wird für Jugendliche immer irrelevanter und die drop – out Zahlen deuten auf einen Bedeutungsverlust des Vereinsfußballs bei Jugendlichen in Gesamtdeutschland hin. Speziell in urbanen Räumen verlieren die Vereine auch ihre Rolle als identifikationsstiftende Institution für Jugendliche. Das auch, weil es scheint, als würde es im Jugendfußball zunehmend nur noch die beiden Extreme geben: Der Fußballer, (ohne *in) der die Vereine als Mittel zum Zweck sieht und bereits mit 17 in 6 verschiedenen Vereinen war und der, der überhaupt keine großen Ambitionen mehr verfolgt.  So geht die Schere zwischen Leistungs –  und Breitensport immer weiter auf und dazwischen ist nicht mehr viel, ein Vakuum. Am einen Pol gibt es nur noch diejenigen, die den großen Traum verfolgen oder diejenigen, die aufgegeben haben und aufhören. Am anderen Pol sind die Breiten-, Freizeit- und Straßenfußballer, denen es wiederum oft an Kampfgeist mangelt, weil sie keine sportlichen Ziele verfolgen. 

Andere Subkulturen, wie Skateboard, Streetball, Rap lösen den Fußball als wichtigste Spielfläche für Jugendliche sukzessive ab. Der durchorganisierte Vereinsfußball mit „hohem Verpflichtungscharakter“ verliert immer mehr an Relevanz für Jugendliche, während die „Alten"  den Verein in Vorstand und Funktion aus Leben halten, wenden „die Jungen“ sich zunehmen vom Verein ab, es kommt zum Generationsbruch, digitale Kommunikationsansätze verfangen zudem nicht.  

Bei gleichbleibender hoher gesellschaftlicher Bedeutung drückt vom anderen Ende der Einbruch von ehrenamtlichen Engagement auf die Existenz der Vereine, Vereinsinsolvenzen häufen sich, der Amateurfußball geht am Stock.

Lösungsvorschläge:

  • Jugendliche in der Konzeption, Gestaltung und Führung von Amateurvereinen einbinden
  • Innovative Kommunikationsstrategien für Fußballvereine entwickeln (BFV Kommunikations – Workshops für Vereine gemeinsam mit dafür spezialisierten Agenturen)
  • Amateurvereine mehr stärken durch Dachverbände
  • Hyperlokale Identität der Vereine stärken
  • Drop-out Jugendliche von NLZ zu DFB – Mentoren in lokalen Vereinen ausbilden
  • Panel zur Zukunft des Amateurvereine mit allen stakeholdern entwickeln
  • Kiez – Bezogene Mentoren – Programm für die Amateurverein durch den Verband

Quellen: 

http://www.fussball.de/newsdetail/drop-out-bei-junioren-nicht-unterschaetzen/-/article-id/213810#!/

https://www.zeit.de/sport/2010-12/insolvenz-amateurfussball-dfb-weiden-sandrock

2. Profifußball und Fankultur

Der Profifußball, die Profivereine, die Verbände und die größten Stars des Spitzensport haben sich mehr und mehr von Fans und Rezipienten generell entkoppelt. Es gibt eine tiefe Sehnsucht nach authentische, echtem, ehrlichem, nahem und geerdetem  Amateurfußball. Zumal in Zeiten, in denen sich Konsumenten insgesamt zum Prosumenten transformieren, auch Fans mehr Nähe zu Verein und Spielern wollen, das haben auf der anderen Seite aber viele noch nicht erkannt – auch nicht die Chancen, die darin liegen. Und Fans wollen immer genauer wissen, wofür Verein und Spieler eigentlich stehen. Konstrukte, wie PSG, ManCity und RedBull können nur funktionieren, wenn ein großer und nachhaltiger Aufwand in die regionale Verankerung des Vereins gesteckt wird. Der DFB und seine „coca cola DIE MANNSCHAFT Fangruppen“ sind die totale Zuspitzung dieser zunehmend bizarren und strategisch falschen Wahrnehmung von Fans als „Konsumenten“ statt als zugrunde liegende Kultur des eigenen Schaffens. 

Lösungsvorschläge:

  • Es braucht einen Schulterschluss zwischen den Fans der Profivereine und innerhalb der Vereine zwischen Vorstand / Funktionären / Spielern und Fan – Gruppierungen  
  • Neue Kommunikations –  und Interaktionsformate zwischen Spielern / Vereinen und Fans / Mitgliedern
  • Erprobung neuer Partizipations- und Gestaltungsformen für Mitgliedern in Profivereinen
  • Mehr Transparenz der Vereins – Prozesse 
  • Es braucht runde Tisch mit Fangruppierungen und Vorständen und Sportmedien
  • Es braucht Fußballverbände als Scharniere zwischen urbaner Fußballkultur und dem Profifußball
  • BFV Ted Talks gemeinsam mit MVMT FC und der FuWo zum Thema „Fußballkultur 2030“

Quellen:

https://11freunde.de/artikel/geisteskranker-neoliberaler-ansatz/1898392

https://www.linkedin.com/pulse/no5-sports-society-robert-zitzmann/

3. Ausbildung im professionellen deutschen Jugendfußball 

Gleichstrom  – Talente, wenig Innovation, kaum Kreative und/oder innovative Coaching – Ansätze – die Ausbildung am NLZ hat keine Seele und läuft Gefahr, den internationalen Anschluss zu verlieren. Zudem scheint es eine „Mittelschichtisierung“ der Talente in deutschen Nationalmannschaften zu geben. Die Kreativität der Straßenfußballer findet im engen Flaschenhals der (auch charakterlichen) Ausbildungsparameter der U – Nationalmannschaften kaum Platz. Hingegen der letzte Weltmeister zum großen Teil aus (ehemaligen) Straßenfußballern der Pariser Peripherie bestand. In diesem Kontext wäre es an der Zeit, zudem die DNA des Berliner Straßenfußballs herausarbeiten und gezielt zu fördern.

Lösungsvorschläge:

  • Talente bleiben bei ihren lokalen Vereinen, Coaches und lokale Amateurvereine werden dezentral und „ambulant“ durch DFB gefördert 
  • Neue Ausbildungs – Ideen werden für 2022+ entwickelt und piloitweise gemeinsam mit Amateurvereinen erprobt (Fusion 2.0 / keine Ergebnisse im Kleinfeld etc.)
  • Trainer – Ausbildungs – Innovation gemeinsam mit sozialen Trägern, BFV  und DFB mit Berlin als Speerspitze Ehemalige Straßenfußballer werden zu Trainern, Scouts und Mentoren beim DFB ausgebildet
  • Neue Scoutingverfahren werden erprobt und etabliert
  • BFV ermöglicht gemeinsam mit 3-5 Berliner Vereins – Pilotprogramme, in denen neue Ausbildungsphilosophien und Trainingsmethoden erprobt, dokumentiert und ausgewertet werden

Quellen:

https://www.fr.de/sport/fussball/schlaegt-alarm-13546533.html

4. Straßenfußball 

Straßenfußball stirbt aus, die Käfige sind leer. Da die Alltage der neuen Helden  so durch NLZ und Ganztagsschule durchgetaktet sind und die alten Helden jetzt alle Familienväter sind, gibt es keine Ikonen des Undergrounds mehr. 

Straßenfußball wird zudem von social media und Playstation als Anerkennungstreiber zunehmend verdrängt. Das könnte ein gesundheitliches Problem für Jugendliche werden und ist kulturell bereits ein Verlust, da die Käfige auch ein („Gruppen – pädagogischer“) autonomischer Schutzraum in sozialen Brennpunkten ist bzw. war. 

Lösungsvorschläge:

  • Sanierungsprogramme der Cages gemeinsam mit Jugendlichen, sozialen Trägern und dem BFV  
  • Schulterschluss mit lokalen Amateurvereinen zur Aktivierung der Käfige (bspw. im Kontext von Camps) 
  • Highlighten / stagen / scouten der besten Straßenfußballer:innen über Satelliten-Turniere in ganz Deutschland 
  • Straßenfußballkultur als Schulfach in den Schulen aufnehmen
  • Straßenfußball – AGs gemeinsam mit dem BFV
  • Straßenfußball – Festival Vol.1

5. Schiedsrichter und Amateurfußball 

Der Schiedsrichter Streik und die ständigen Spielabbrüche stehen sinnbildlich für den Kampf zwischen den Klassen, Schichten und Milieus im Fußball. Schiedsrichter sind der Inbegriff der intellektuellen Elite im Sozialraum des Fußballs und somit das Feinbild der Arbeiterschicht.  Und da Fußball ein Abbild, Prisma und Brennglas der gesellschaftlichen Verhältnisse ist, wird sich die Gewalt gegen Schiedsrichter und der kulturelle Graben nicht einfach auflösen, sondern die Situation eher verschlechtern.  

Lösungsvorschläge:

  • Veränderung der Sozialstruktur des Schiedsrichterwesens über Referee – Ausbildungs – Kampagnen (gemeinsam mit Schulen und sozialen Trägern)
  • Verbesserung der Bezahlung der Schiedsrichter 
  • Innovative Kommunikations – Kampagnen für Referees  
  • Entlohnung der Schiedsrichter verbessern
  • Schiedsrichter bei BFV Spielbericht – Erstattungen einbinden
  • Jedes Team in Berlin muss einen Schiedsrichter – Verantwortlichen stellen (bekommt vorab Coaching)